Diese Woche tauchten wieder Bilder von der Alpe d’Huez auf: schmale Straße, Felswand, Talblick, und diese legendären 21 Kehren, die auf dem Papier fast harmlos aussehen. Als hätte jemand einen Berg nicht bezwungen, sondern höflich mit ihm verhandelt. Nicht frontal, nicht im heroischen Direktangriff. Sondern in Kurven.

Das ist vielleicht das Interessanteste an Steigungen: Die klügste Art, sie zu schaffen, ist oft nicht die gerade Linie. Wer stur nach oben will, steht schnell da wie jemand, der einen vollen Wochentag mit reiner Willenskraft lösen möchte – verkrampft, verschwenderisch, und nach kurzer Zeit erstaunlich langsam.

Serpentinen haben einen guten Ruf, obwohl sie technisch gesehen Umwege sind. Sie verlängern die Strecke und machen sie gerade dadurch machbar. Ein bemerkenswert freundlicher Gedanke für einen Freitagvormittag, an dem die To-do-Liste gern so tut, als müsse alles gleichzeitig, sofort und am besten in einer heroischen Schlussgeraden erledigt werden.

Dabei sind viele Dinge in Wahrheit Alpe-d’Huez-Aufgaben. Man kommt nicht sinnvoll voran, indem man sie „endlich mal komplett wegarbeitet“. Man kommt voran, indem man eine Kehre nimmt. Eine Mail beantworten, statt den ganzen Posteingang besiegen zu wollen. Das eine Gespräch führen, statt die gesamte Unklarheit des Projekts auf einmal aus der Welt schaffen zu müssen. Den Text anfangen, ohne schon den perfekten letzten Satz im Kopf zu haben.

Kehren haben noch einen Vorteil: In jeder Kurve ändert sich der Blick. Mal sieht man das Tal, mal die Strecke, die schon hinter einem liegt. Das ist keine Nebensache. Es hilft, wenn Fortschritt nicht nur Anstrengung ist, sondern zwischendurch auch Orientierung.

Vielleicht ist heute also kein Tag für den direkten Aufstieg. Vielleicht reicht es, die nächste kluge Kurve zu nehmen. Das sieht von außen weniger spektakulär aus als heldenhaftes Geradeaus. Kommt aber erstaunlich oft weiter nach oben.