Heute Morgen im Café hatte jemand das Radio etwas zu laut laufen. Zwischen Milchschaum und Löffelklirren kam in nüchternem Ton die übliche Mischung vorbei: Krise hier, Eskalation dort, Prognosen mit gerunzelter Stirn. Am Nachbartisch sah ein Mann auf sein Handy, schüttelte kurz den Kopf und sagte zu niemand Bestimmtem: „Es hört auch nicht auf.“ Dann nahm er einen Bissen Croissant. Das wirkte fast unverschämt normal.
Vielleicht ist genau das gerade die Frage: Wie normal darf ein Tag eigentlich noch sein, wenn die Nachrichtenlage dauernd auf Rot steht?
Es gibt ja zwei Versuchungen. Die eine heißt Panik und tarnt sich gern als besondere Informiertheit. Die andere heißt Gleichgültigkeit und gibt sich Mühe, wie Gelassenheit auszusehen. Beides ist auf Dauer unerquicklich. Wer ständig alarmiert ist, wird irgendwann unansprechbar. Wer alles wegzuckt, auch.
Dazwischen liegt etwas weniger Spektakuläres: eine ruhige Form von Wachheit. Man nimmt die Welt ernst, ohne sich von jeder Schlagzeile durch den Flur jagen zu lassen. Man liest nach, hört hin, widerspricht dort, wo es nötig ist – und kauft trotzdem Brot, beantwortet Mails, ruft zurück, gießt die Pflanzen. Nicht aus Verdrängung. Sondern weil ein geordneter Alltag keine Kapitulation ist, sondern eine kleine zivile Leistung.
Vielleicht ist das die neue Höflichkeit des Alarmiertseins: andere nicht mit der eigenen Dauererregung zu überschütten. Nicht jedes Gespräch sofort in den Ausnahmezustand zu verwandeln. Die Lage weder kleinzureden noch aufzublasen. Und sich selbst ebenfalls mit einer gewissen Sachlichkeit zu behandeln.
Im Arbeitsleben merkt man schnell, wie wertvoll das ist. Es hilft niemandem, wenn alles gleichzeitig „dringend“ wird. Auch im Kopf nicht. Vernünftig bleiben heißt nicht, harmlos zu werden. Es heißt nur, dem Wichtigsten nicht die Energie durch den Lärm zu entziehen.
Ein ruhiger Mensch ist heute kein unbeteiligter Mensch. Oft ist es genau andersherum.
Vielleicht genügt für diesen Freitag schon das: wach bleiben, ohne hektisch zu werden. Die Welt ist laut genug. Man muss ihr nicht auch noch im eigenen Tonfall helfen.